Sichtbarkeit

Viele Menschen glauben, dass wir in der evangelischen Kirche bereits tolerant und offen genug sind. Sie meinen, dass sie lediglich noch Unterstützung für eine gendergerechte Sprache benötigen. Doch das ist zu wenig.

Queere Menschen haben oft eine lange Geschichte von Verletzungen im kirchlichen Kontext erlebt. Hier braucht es zunächst ein Bewusstsein dafür, dass die Kirche lange Zeit Menschen diskriminiert und ausgeschlossen hat, die nicht der Heteronorm entsprechen. Es braucht die Einsicht und das Verständnis für queere Lebenswirklichkeiten. Und dazu gehört es auch, sich selbst kritisch in den Blick zu nehmen. Es braucht die Erkenntnis, dass wir in einer Weise sozialisiert sind, die eine geschlechtliche Vielfalt nicht vorsieht. Außer als absolute Ausnahme, die meist pathologisiert wird und mit Vorurteilen verbunden ist.

So ein Schuldeingeständnis ist unangenehm. Deshalb wollen viele diesen Schritt überspringen. Doch es gibt keine Heilung, ohne die Wahrnehmung der Wunden. Erst dann wird deutlich, was es braucht, um vorteilsbewusst und sensibel zu agieren. Und da reicht gendergerechte Sprache allein nicht, auch wenn sie ein wichtiger Schritt ist.

Es braucht die Erzählungen von Familien mit zwei Vätern, von dem trans Mädchen, von intergeschlechtlichen Menschen. Es braucht die biblischen Geschichten von der Liebe zwischen David und Jonathan, von Joseph im Prinzessinnenkleid, von dem Eunuchen, der nicht in die binäre Geschlechterordnung gepasst hat und getauf wurde. Es braucht diese Sichtbarkeit, damit Queerness "normal" wird.